Montag, 27. Juli 2015

Zensur beim Jugendwort 2015

Swag? Yolo? Hashtag? Welches Wort macht 2015 das Rennen bei der Wahl zum Jugendwort? Die Jagdsaison ist eröffnet. Doch die Euphorie der Sprachgoldgräber erhielt anfangs Woche einen kräftigen Dämpfer. Erstmals hat der Langenscheidt-Verlag zum Zensurstift gegriffen. Beim Online-Voting lag das Wort „Alpha-Kevin“ auf dem 1. Rang. Bis jetzt. Doch nun hat der Verlag das Wort gestrichen.

Quelle: www.webfail.com


Einer der zahlreichen Kevin-Witze im Internet. (Quelle: www.echtlustig.com)

 
Um zu verstehen, warum das Wort etwas heikel ist, muss man ein wenig in der Jugendsprachkiste graben. Seit längerem gilt dort der Vorname "Kevin“ nicht als Kompliment, sondern wird als Beleidigung benutzt. Warum? Tja, das ist eines der vielen Mysterien der Jugendsprache.

Es gibt wohl nicht DEN einzig wahren Grund. Deshalb hier der Versuch einer kleinen Erklärung. Es gibt gewisse Namen, die sind sehr verbreitet. 2014 war Luca der beliebteste Namen bei Neugeborenen Jungs in der Schweiz. Wenn man in einen Raum mit vielen Menschen „Matthias“ ruft, dann ist die Chance sehr gross, dass fünf Menschen sich angesprochen fühlen, weil nun mal viele so heissen. Ein weiterer solch weitverbreiteter Namen ist nun auch „Kevin“. Vor allem in Deutschland. Weil offenbar sehr viele Menschen so heissen, wurde der Name dann irgendwann zu einer Spassbeleidigung. „Du bist ein Kevin“, bedeutete bald einmal, dass man nicht gerade der Hellste sei. Ein weiterer Erklärungsversuch ist jener, dass in den 90er-Jahren offenbar viele Menschen aus unteren sozialen Schichten den Kindern englische Namen gaben. „Kevin“ war dabei einer der beliebtesten und sagt somit angeblich auch etwas über den Bildungsstand des Namensträgers aus. Es soll sogar eine Masterarbeit an der Universität Oldenburg geben, die belegt, dass bestimmte Namen Klischees und Vorurteile auslösen. Dies für sich genommen wäre ja noch nachvollziehbar. Man denke beispielsweise daran, dass bei gewissen Schweizer Autoversicherungen Menschen mit einem „–ic“ im Nachnamen (Hinweis auf Herkunft aus dem Balkan) höhere Prämien bezahlen müssen. Und auch bei der Stellensuche sind Bewerber namens Müller oder Meier oft erfolgreicher als Krasniqi oder Stevic. Doch im zweiten Teil der Arbeit kommt folgende Feststellung: Der Name Kevin führe bei Lehrern dazu, dass man annehme, dass ein solcher Schüler verhaltensauffälliger und leistungsschwächer sei als andere.

Eigentlich sind diese Erklärungen natürlich totaler Humbug. Doch wahrscheinlich war der Mix aus verschiedenen Gründen dafür verantwortlich, dass sich die völlig willkürliche Annahme durchsetzte, dass ein Kind namens „Kevin“ später wahrscheinlich kein Uniprofessor werden würde. Das Wort „Alpha-Kevin“ bedeutet nun laut seinen Schöpfern der „Ober-Kevin“, daher der Anführer der Verhaltensauffälligen oder eben im Wortlaut der Kreateure: „Der Dümmste von allen“. Auf „Jugendwort.de“ hat man sich Gedanken gemacht, weil sich offenbar viele Menschen namens Kevin diskriminiert fühlten. Sie meldeten sich und beschwerten sich „Es lag uns fern, konkrete Personen zu diskriminieren“, schreiben die Veranstalter des Votings. Was ist das Ziel des Jugendwortes? Soll es einfach ein witziges Wort sein? Falls ja, dann hat Langenscheidt völlig zu Unrecht zensiert. Aber falls man beim Jugendwort die Kreativität der jugendlichen Sprecher zeigen will - woher sie ihre Einflüsse haben und was sie beschäftigt – so muss man zum Schluss kommen, dass es richtig war, das Wort zu streichen. Es gibt immer bessere Wege, um kreativ zu sein, als andere zu beleidigen. Wenn man allerdings nun in die Auswahlshow von Langenscheidt blickt, so verliert die Abstimmung ordentlich viel Biss.

Nachgerückt ist das Wort Swaggetarier" (ein Mensch, der aus Imagegründen vegetarisch lebt), oder „kirscheln“ (wie zwei Kirschen aneinanderkleben und sich umarmen.). Dann gibt es noch den Ausdruck „rumoxidieren“ (chillen), Eierfeile (Velo), Maulpesto (Mundgeruch), Bologna-Flüchtling (Studienabbrecher) oder Earthporn (schöne Landschaft). An oberster Stelle des Podests steht derzeit das Wort „merkeln“, das in etwas so viel bedeutet wie, nichts tun, keine Entscheidungen treffen. Ob das wirklich ein Wort ist, das den Sieg verdient hat und von den Jugendlichen tatsächlich benutzt wird? Interessieren sich die Teenager derart für Politik, dass sie dieses Wort origineller und lustiger als „Alpha-Kevin“ empfinden? Wir werden sehen. Die Kevins dieser Welt können sich nun entspannen, der „Alpha-Kevin“ ist von der Wahl ausgesperrt und wird keinen Einlass in den Duden bekommen.

von Hermann-Luc Hardmeier

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