Sonntag, 14. September 2014

Poetryslam Schweizermeisterschaft: Der Siegerwhiskey geht nach Bern

Der 42-jährige Christoph Simon sticht alle andern jungen Wortkünstler aus und wird Schweizermeister im Poetryslam 2014. Von Hermann-Luc Hardmeier 


Christoph Simon hält sich kurz vor seinem Siegerapplaus die Hand vor das Gesicht. Der Rummel um seine Person war ihm nicht so ganz recht. Bild: Hermann-Luc Hardmeier

Grosse Überraschung im Volkshaus in Basel. Am Samstagabend, 13. September 2014, wurde der neue Meister unter den Wortakrobaten gekürt. Und es war nicht einer der „üblichen Verdächtigen“. Zum Schluss stemmte Christoph Simon aus Bern den Siegerwhiskey in der Höhe. Hier die Story, wie es zu diesem Sieg kam. Beobachtet von knapp 900 Besuchern im Volkshaus und Hermann-Luc Hardmeier für Schaffhausen.net. In drei runden traten zwölf Slammer gegeneinander an. Unter ihnen viele bekannte Gesichter wie Hazel Brugger, die bereits einmal den Meistertitel sichern konnte. Oder Kilian Ziegler, der im Vorfeld in den Zeitungen als einer der Favoriten auf den Titel gehandelt wurde. (Und dies, obwohl es an einem Slam absolut verpönt ist, jemanden als Favoriten zu nominieren). Die zwei Schaffhauser Slampoeten (bzw. Ex-Schaffhauser) Diego Häberli und Lara Stoll schafften es leider nicht in die Finalrunde. Wie bei Poetryslam üblich, hatte jeder Poet fünf Minuten Zeit, einen Text vorzutragen. Der Text musste selbst geschrieben sein, auf Hilfsmittel wie Verkleidung, Instrumente und dergleichen musste verzichtet werden. Es war unglaublich, wie vielfältig und kreativ die Wortkünstler zu Werke gingen. Es wurde gerappt, gesungen, geturnt und natürlich getextet, was das Zeug hielt. Die Teilnehmerin Fatima Moumouni führte gekonnt ein kleines Poetry-Theaterstück auf, Jan Rutishauser Schlug ein Rad auf der Bühne, während er die Menschheitsgeschichte vom Urknall bis zum heutigen Datum Revue passieren liess. Inklusive Dinosaurier Tyrannosaurus Rex, der von einem Kometen dahingerafft wurde. Martina Hügi nahm die Sex-Selfie-Affäre einer Angestellten des Bundes zum Anlass, eine Parodie auf zweideutige Arbeit bei Staatsbetrieben zu schreiben. Dominik Muheim stahl einen Kindertraktor und erlebte ein turbulentes Abenteuer damit. Pierre Lippuner imitierte Trompetenklänge und erzählte von Liebeskummer, während er ein kleines Jazzkonzert parallel inszenierte. Natürlich alles nur mit seinem Mundwerk. Und, und, und. Das bis auf den letzten Platz besetze Volkshaus Basel applaudiert, jubelte und lachte herzhaft. Die Stimmung war ausgelassen und wurde von Laurin Buser gekonnt moderiert. Auch er ist übrigens ein ehemaliger Meister. Er gewann zweifach den U-20-Titel an der Schweizermeisterschaft und wurde zwei Mal Vize-Champ. Zudem wurde er U-20-Meister an den deutssprachigen U-20-Poetryslam Meisterschaften in Bochum.

Spannende Finalrunde

Wer der jeweilige Gruppensieger war, wurde mit Abstimmungstafeln von 1 bis 10 von einer Publikumsjury ermittelt. Die Tafeln waren vorgängig verteilt worden. Ins Finale und in die vierte Runde schafften es schliesslich die drei jeweiligen Gruppensieger: Christoph Simon, Kilian Ziegler und Marco Gurtner. Eine Wahl des Siegers war ein schieres Ding der Unmöglichkeit. Alle drei hatten die Gäste mit ihren Texten begeistert und setzten mit ihren Finalaufführungen noch eins drauf. Da war Marco Gurtner aus Thun. Grossartig, wie er verschiedene Stimmen imitieren konnte und in seinem Text unter anderem über spiessige Eltern berichtete, wie sie ihrem Kind die Gefahr einer Maschine näherbringen wollten. Die Leute kugelten sich vor Lachen. Dann kam Kilian Ziegler aus Olten. Der Slampoet berichtet über sein Soziologiestudium, welches ihn zum Berufs-Relaxer gemacht hat. Er bezeichnet sich selber als „Chill-Bert Gress“ und „BequEMINEM“ und war ein bisschen besorgt, ob er aufgrund der Überdosis an Gemütlichkeit nicht bald einmal ein Burnout haben werde. Er balancierte gekonnt zwischen witzigen und intelligenten Vergleichen und streute in Nebensätzen speziellen Schenkelklopfer-Humor ein. Diese Witze waren von einer besonderen Qualität: Sie waren so billig, dass man nicht über deren Inhalt, sondern über die Art der Witze lachen musste. Und dies nicht zu knapp. Zum Schluss kam Christoph Simon. Der Berner Schriftsteller stach in jeder Hinsicht heraus. Er war kein Entertainer, keine „Rampensau“ , die rappte, reimte und schauspielerte. Christoph Simon war eher ein bisschen scheu, mit den Händen in den Hosentaschen und setzte einen unterschwelligen britischen Humor ein. Sein Text wirkte deshalb umso intensiver. Er forderte die Gäste auf, mehr Mut zu haben. Die Besucher sollten sich doch selber trauen, einmal auf einer Bühne einen Text vorzutragen oder einmal einen Apfel zu essen, ohne ihn vorher zu waschen. Oder noch besser: Einem Politiker, der eine Familie ausschaffen will, einen Ziegelstein über den Kopf zu hämmern, um so dessen humanitäres Denken zu fördern. 

Christoph Simon bei seiner Siegesansprache. Bild: Hermann-Luc Hardmeier

Der 42-Jährige war anders als die anderen Slammer. Vielleicht war es dies, in Kombination mit der Qualität seines guten Textes, was den Ausschlag gab. Die Gäste klatschten und jubelten ihn schliesslich auf den Poetryslam-Thron. Die Finalisten wurden nicht mit den Tafeln der Vorrunde, sondern anhand der Lautstärke des Applauses des Publikums bewertet. Christoph Simon konnte es gar nicht fassen. Beim Applaus, der ihm galt, hatte er noch die Hand vor das Gesicht gehalten. Er wurde von den Slammern nach seinem Sieg in die Luft gestemmt und ergriff völlig begeistert das Mikrophon: „Wegen meines Alters haben die anderen in der Garderobe ein wenig über mich gespottet. Ich würde sagen, ich habe einfach meine letzte Chance ergriffen.“ Der sympathische Sieger fand die richtigen Worte und genehmigte sich einen kräftigen Schluck des Siegerwhiskeys, bevor er ihn mit den anderen grossartigen Teilnehmern des Poetryslams 2014 teilte. Von Hermann-Luc Hardmeier 

Der Siegerwhiskey wird mit den Mitstreitern ehr und redlich geteilt. Bild: Hermann-Luc Hardmeier

Kilian Ziegler an der Schweizermeisterschaft 2014. Ausschnitt aus dem Text "Die Google-Sichere-Weste".
Video: Hermann-Luc Hardmeier
Hazel Brugger an der Schweizermeisterschaft 2014. Text "Dani".
Video: Hermann-Luc Hardmeier

Kommentare:

DerDoktor hat gesagt…

Nachtrag:

Laut einem Medienbericht hat sich Lara Stoll freiwillig selber disqualifiziert, indem sie verschleiert und mit einer Gitarre in der Vorrunde auftrat. Da Instrumente und Verkleidungen verboten sind, war der Fall klar.

Ihre Begründung: "Ich hatte mich im Frühling angemeldet, aber mir fehlte die Zeit für gute neue Texte. Statt halbherzig mitzumachen, entschied ich mich für diesen Weg."

Anonym hat gesagt…

Schade hat Gabriel Vetter nicht teilgenommen. Er ist und bleibt für mich der Beste!

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